Skrupellose Anwälte, Banker und Investoren erbeuteten mit Cum-Ex Millionen vom Staat. Wie das möglich wurde, zeigt eine aktuelle ZDF-Serie. Katharina Reisch ist in die Abgründe der Finanzwelt eingetaucht.
Bei mir hat das Finanzamt ganz genau hingeschaut. In meiner ersten Steuererklärung wollte ich etwas mehr als tausend Euro absetzen. Da kann man schon mal misstrauisch werden. Also bekam ich einen Brief: Bitte schicken Sie uns Belege. Für alles. Ich kopierte Kassenbons und Rechnungen, packte einen dicken Umschlag mit Nachweisen für jeden einzelnen Euro und merkte schnell: Ich kann dem Finanzamt nichts vormachen.
Ganz anders war das bei Kai-Uwe Steck. Der 55-jährige Anwalt konnte deutschen Finanzämtern jahrelang eine ganze Menge vormachen und damit sehr reich werden. Gemeinsam mit seinem Mentor, dem inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilten Anwalt Hanno Berger, entwickelte und perfektionierte er mit "Cum-Ex" ein Geschäftsmodell, das beim deutschen Staat einen Gesamtschaden von geschätzt 30 Milliarden Euro verursachte. Der Steuerschaden für ganz Europa beläuft sich auf 146 Milliarden Euro.
Um diese Summe mit ihren Steuern zu finanzieren, müsste eine durchschnittlich verdienende Pflegefachkraft in Deutschland etwa 26,3 Millionen Jahre arbeiten (in Steuerklasse eins).
Cum-Ex-Kronzeuge berät weiter als Anwalt im "Krisenmanagement"
Der Bundesgerichtshof (BGH) bewertete Cum-Ex-Deals im Jahr 2021 als besonders schweren Fall der Steuerhinterziehung nach § 370 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 S. 2 Nr. 1 AO (Urt. v. 28.07.2021, Az. 1 StR 519/20). Durch seine Beteiligung hieran soll allein Steck 50 Millionen Euro verdient haben.
Am Dienstag verurteilte ihn das Landgericht Bonn zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten (Urt. v. 03.06.2025, Az. 62 KLs 1/24). Außerdem muss er 23,5 Millionen Euro an den Staat zurückzahlen. Als Anwalt darf er aber weiterarbeiten. Aktuell ist Kai-Uwe Steck nämlich als Senior Partner für die Schweizer Kanzlei Pontinova tätig, wo er sich "gestützt auf reichhaltige eigene Erfahrungen […] jüngst mit viel Leidenschaft auch auf den Bereich Krisenmanagement fokussiert".
Das gegen ihn ergangene Urteil ist sehr milde ausgefallen, weil Steck als Kronzeuge (§ 46b StGB) mit der Staatsanwaltschaft kooperierte und damit zur Aufklärung von Cum-Ex beitrug. Die Staatsanwaltschaft ist mit dem Strafmaß nicht einverstanden und wird "vollumfänglich Revision einlegen".
Warum plündern Superreiche den Staat aus?
Obwohl Steck ein umfassendes Geständnis abgelegt und die Cum-Ex-Abläufe im Detail erklärt hat, ließ er eine große Frage stets offen: Warum? Warum haben Anwälte wie er so viel riskiert – ihre hart erarbeitete berufliche Stellung, ihre Familie, ihre Freiheit – nur, um astronomische Summen zu erbeuten, die sie kaum jemals ausgeben können? Und warum plündern eigentlich superreiche Investoren den Staat aus?
Das ZDF greift diese Frage in einer aktuellen deutsch-dänischen Comedy-Dramaserie auf. In acht Episoden zeigt "Die Affäre Cum-Ex" die Hintergründe des größten Steuerbetrugs in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Serie ist fiktional, aber inspiriert von wahren Ereignissen. Ihr zugrunde liegen die Recherchen der deutschen und dänischen Journalisten Oliver Schröm, Christian Salewski, Niels Fastrup und Thomas G. Svaneborg.
Ergänzt wird die Serie durch den sehenswerten Dokumentarfilm "Systemfehler: Der Cum-Ex-Skandal". Darin zu Wort kommen nicht nur der Cum-Ex-Täter Kai-Uwe Steck, sondern auch die frühere Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker und der Bonner Richter Roland Zickler, der im Jahr 2020 das weltweit erste Cum-Ex-Urteil fällte (LG Bonn, Urt. v. 18.03.2020, Az. 62 KLs 1/19).
"Wir wollen ja jetzt nicht behaupten, dass wir Mitleid mit dem Staat haben"
Inzwischen wurde "Die Affäre Cum-Ex" sechs Millionen Mal gesehen. Für diesen Erfolg gibt es gute Gründe.
Der Serie gelingt nämlich das Unmögliche: Die komplizierten Cum-Ex-Geschäfte werden gleich zu Beginn anhand eines Alltagsbeispiels so anschaulich und verständlich erklärt, dass wirklich jede:r folgen kann. Mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit beschreibt der Hanno Berger nachempfundene Anwalt Bernd Hausner das Vorgehen. Im Grunde laufe es mit Cum-Ex-Geschäften so, als erlebe man bei der Rückgabe von Pfandflaschen im Supermarkt eine magische Verdopplung derjenigen Flasche, die man gerade zurückgeben wolle. Für ein und dieselbe Flasche bekomme man zwei verschiedene Pfandbons. Damit könne man sich vom Supermarkt zweimal das Pfand auszahlen lassen, obwohl es vorher nur einmal bezahlt wurde. Das Pfand aber ist in Wirklichkeit eine Steuererstattung und der Supermarkt ist der Staat – eine nie versiegende Geldquelle. Außerdem, so Hausner: "Wir wollen ja jetzt nicht behaupten, dass wir Mitleid mit dem Staat haben". Meint: Kein Mitleid mit uns allen, die wir dieses Geld an den Staat bezahlt haben und die wir uns seit Jahren fragen, woher denn die Milliarden für Investitionen in die marode Infrastruktur kommen sollen.
"Eher verrecke ich, als dass ich von dir Geld annehme"
Damit skizziert die Serie auch schon mögliche Beweggründe der Täter. Bei Hausner etwa entlädt sich eine unheilige Allianz aus Skrupellosigkeit, übersteigertem Geltungsbedürfnis und Gier und gipfelt in Sätzen wie diesem: "Wenn hier irgendjemand im Raum ein Problem damit hat, dass wegen uns weniger Kindergärten gebaut werden, der kann ja den Raum verlassen".
Einem menschlichen Verständnis schon eher zugänglich sind die Motive der an Kai-Uwe Steck angelehnten Figur Sven Lebert. Er stammt aus ebenso einfachen wie schwierigen Verhältnissen. Die Konflikte mit seinem Vater ziehen sich wie ein roter Faden durch die Serie. Als dieser sein ganzes, in 47 Jahren angespartes, Vermögen von 37.000 Euro an die Lehman-Pleite verliert, will Lebert den Schaden ersetzen. 37.000 Euro verdiene er immerhin in etwas mehr als einer Woche. Doch seinem Vater platzt der Kragen: "Eher verrecke ich, als dass ich von dir Geld annehme, das du den Werktätigen klaust. Los, raus. Du verschissenes Arschloch, raus!".
Sven Lebert schien Cum-Ex zu brauchen – den damit teuer erkauften Reichtum ebenso wie die Anerkennung seines Mentors und den Aufstieg zum Kanzleipartner. Er war leicht durchschaubar, zumindest für Bernd Hausner: "Sven, du hast erreicht, was die allerwenigsten erreichen. Weil du auf nichts zurückgreifen konntest, weil du wirklich bei null angefangen hast. Das ist auch der Grund, warum ich dich gefragt habe, ob du ‘ne Firma mit mir gründen willst".
Greifen Sie ruhig zu, der Fiskus merkt‘s nicht
Und dann ist da noch der dänische Steuerbeamte Niels Jensen. Er steigt ins Cum-Ex-Geschäft ein, einfach weil es möglich war; weil es doch dumm wäre, dieses Geld liegen zu lassen; weil die Strukturen ihn förmlich eingeladen haben: Greifen Sie ruhig zu, der Fiskus merkt‘s nicht.
Genau da ist das Problem. Cum-Ex hat strukturelle Ursachen.
"Die Affäre Cum-Ex" benennt diese mit großer Klarheit. Sie zeigt dänische Finanzermittler, die das Phänomen früh erkennen und mit ihren Warnungen in der Politik auf taube Ohren stoßen: "Ich fühle mich wie jemand, der entdeckt hat, dass das Grundwasser verseucht wurde und niemand beim Wasserwerk interessiert sich dafür", sagt etwa die fiktive dänische Steuerbeamtin Inger Brøgger in der Serie. Immer wieder hat sie an das dänische Ministerium geschrieben und Gesetzesänderungen angemahnt, die den organisierten Steuerbetrug stoppen könnten.
Mehr Erfolg als sie hatte der ebenfalls in der Serie auftretende deutsche Bankenverband. Ihm gelang es, das deutsche Finanzministerium von Gesetzesentwürfen zu überzeugen, die Cum-Ex in Deutschland unmöglich machen. Nur in Deutschland. Mit einer ausländischen Depotbank konnte Cum-Ex weitergehen. Eine Lücke im Gesetz. Der Bankenverband konnte so erfolgreich eine Nebelkerze zünden.
"Da haben wir nicht die Manpower für"
Erst als ab Folge vier die an Anne Brorhilker angelehnte Staatsanwältin Lena Birkwald ihre Ermittlungen aufnimmt, kommt endlich Bewegung in die Sache. Doch Birkwald fehlen die Ressourcen, um Cum-Ex-Täter zu verfolgen. Der Oberstaatsanwalt gibt ihr zu verstehen: "Da haben wir nicht die Manpower für. Da bräuchtest du ‘ne ganze Abteilung für und selbst dann ist der Ausgang noch ungewiss". Dazu kommt noch eine ordentliche Portion Sexismus, die ein Kollege Lena Birkwald so erklärt: "Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wenn ich eine Frau sehe, will ich sie entweder ficken oder ich nehme sie nicht ernst".
In Dänemark läuft es kaum besser. Ganz nach dem Motto "Mehr Service, weniger Kontrolle" werden das nationale Steuerarchiv und mit ihm zahlreiche Beweise vernichtet. In der Steuerbehörde geht im buchstäblichen Sinne das Licht aus – ein Stromausfall. Unterdessen stapeln Hausner und Lebert Goldbarren aufs Sofa und frönen in einer mallorquinischen Finca der spätrömischen Dekadenz.
Cum-Ex ist eine politische Entscheidung
Diese enormen Vollzugsdefizite bei Cum-Ex sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Denn es ist eine politische Entscheidung, wenn ein Staat seine Strafverfolgungs- und Steuerbehörden schlecht ausstattet. Es ist eine politische Entscheidung, wenn er Banken viel Macht zugesteht und ihre Gesetzesentwürfe unhinterfragt umsetzt. Es ist eine politische Entscheidung, wenn man, wie der damalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, einen Banker empfängt, gegen dessen Bank ein Cum-Ex-Ermittlungsverfahren läuft. Und wenn man nach dem Treffen plötzlich aufhört, von dieser Bank zweistellige Millionenbeträge zurückzufordern.
Diese politischen Entscheidungen sind gefährlich. Denn wer Steuerkriminalität ermöglicht, gefährdet unseren Wohlstand und nimmt zunehmende soziale Ungleichheiten in Kauf. Dadurch entstehen soziale Abstiegs- und Existenzängste. Die wiederum bilden den idealen Nährboden für staatsdelegitimierende, extremistische Strömungen – vor allem dann, wenn der Eindruck entsteht, eine kleine wirtschaftliche Elite dürfe sich in diesem Land wirklich alles herausnehmen. Am Ende erodiert das Vertrauen in demokratische Prozesse. Bei der Bekämpfung von organisierter Finanzkriminalität geht es damit um nichts weniger als die Stabilisierung unserer Demokratie.
Cum-Ex geht weiter
Doch der organisierte Steuerbetrug geht trotz zwischenzeitlicher Gesetzesänderungen weiter, wie eine aktuelle Untersuchung der Bürgerbewegung Finanzwende zeigt. Die Betrüger denken sich immer wieder neue Steuerbetrugsmodelle aus, mit denen sie die aktuellen Gesetze – etwa mit einem Umweg über das Ausland – umgehen können. Die Strafverfolgungsbehörden kommen da nicht hinterher.
Cum-Ex lohnt sich daher, heute wie gestern. Das kriminelle Business wird für immer weitergehen und uns alle Jahr für Jahr Millionen und Milliarden kosten.
Außer wir blicken dieser Realität jetzt ins Auge und wappnen uns. Mit spezialisierten, digitalisierten und personell gut ausgestatteten Ermittlungsbehörden. Mit einer zentralen Behörde gegen schwere Wirtschaftskriminalität. Mit wasserdichten Steuergesetzen. Mit politischer Entschlossenheit, die Cum-Ex zur "Chefsache" macht – ich bin mir sicher, Betrüger hassen diese Tricks.
ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex": . In: Legal Tribune Online, 09.06.2025 , https://lto-origin-update.connectaserver.de/persistent/a_id/57372 (abgerufen am: 06.03.2026 )
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