Richter sind auf sich allein gestellt, Staatsanwälte müssen sich immer behaupten und unverwundbar zeigen – und die Arbeitsbelastung ist hoch. Wie Juristen resilienter werden können, erklärt Psychologin Dörthe Dehe im Interview.
LTO: Frau Dehe, Sie sind Psychologin und geben am deutschen Richter- und Staatsanwaltstag Mitte April in Weimar gleich zweimal den Workshop "Resilienz für Richter und Staatsanwälte". Sind Richter:innen und Staatsanwält:innen also nicht resilient?
Dörthe Dehe: Doch, Richter:innen und Staatsanwält:innen sind schon resilient. Ich glaube aber, dass die Rahmenbedingungen und Anforderungen so belastend sind, dass es sinnvoll ist, sich mit der eigenen Resilienz bewusst auseinanderzusetzen und diese noch stärker zu fördern. Weil die Anforderungen an die beiden Berufe so unterschiedlich sind, haben sie übrigens auch unterschiedliche Risikoprofile in Bezug auf Burnoutprävention und Resilienz. Was Jurist:innen für mich außerdem interessant macht: Sie haben eine tiefe fachliche Ausbildung genossen – aber dort niemals Sozial-, Führungs- und Selbstkompetenzen für den beruflichen Alltag vermittelt bekommen. Das müssen sie sich selbst aneignen.
Was verstehen Sie unter Resilienz?
Resilienz ist eine psychische Widerstandsfähigkeit – die Fähigkeit, sich mit suboptimalen Bedingungen auseinanderzusetzen. Sie setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, wie Emotionsregulation, Impulskontrolle, Empathie und Selbstwirksamkeitsüberzeugung.
Resilienz ist angeboren, aber man kann sie zum großen Teil auch entwickeln. Wie resilient man ist, hat auch damit zu tun, welche Belastungen bereits auf eine Person eingewirkt haben und wie sie damit umgegangen ist. Jemand, der schon besonders viel durchgestanden hat, kann also besonders resilient sein. Resilienz ist damit zum großen Teil eine persönliche Fähigkeit, die man entsprechend weiterentwickeln kann.
"Richterliche Unabhängigkeit steht einer guten Führung überhaupt nicht entgegen"
Und was sind das für suboptimale Bedingungen gerade bei Richter:innen und Staatsanwält:innen?
Ganz generell haben beide Berufe mit einem sehr hohen Fallvolumen zu tun, also einer Überlastung. Wir haben vor allem bei den Amtsrichter:innen das Problem, dass sie allein sind. Aber da Richter:innen von Anfang an als Einzelkämpfer:innen sozialisiert werden, gibt es meiner Erfahrung nach auch in vielen Kammern und Senaten keine gute Teamarbeit.
Die Staatsanwält:innen hingegen leiden unter der klassischen Herausforderung, dass sie es einerseits mit schwierigen und verstörenden Inhalten zu tun haben, aber sich anderseits eine Kultur der Unverwundbarkeit etabliert hat. Nach dem Motto: "Uns Staatsanwält:innen machen belastende Fotos oder Taten nichts aus." Dabei machen die Fälle natürlich was mit einem, das ist ganz menschlich. Aber wegen der vorgespielten und vielleicht auch erwarteten Unverwundbarkeit werden Unterstützungsangebote, die es bezüglich dessen gibt, kaum angenommen.
Die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Burn-outs sind erstens eine chronisch hohe Arbeitsintensität, zweitens ein niedriger Gestaltungsspielraum und drittens eine niedrige soziale Unterstützung. Man nennt diese die pathogene Trias – wenn alle drei zusammenkommen, wird es richtig schwierig. Diese Faktoren sind generell in beiden Berufsgruppen erfüllt. Zwar könnte man argumentieren, dass Richter:innen ein Recht auf freie Entscheidung haben und entsprechend auch Gestaltungsspielraum. Aber ihre Rahmenbedingungen sind nicht durchschaubar, das Belastungsvolumen nicht steuerbar.
Und warum fehlt Richter:innen und Staatsanwält:innen die soziale Unterstützung?
Soziale Unterstützung bedeutet, so wahrgenommen zu werden, wie man selbst ist. Und dass man von anderen angehört und verstanden wird. So eine richtige Kultur, die das auffängt, gibt es aus meiner Sicht bisher nicht überall in den Behörden und Gerichten. Stattdessen muss man in diesen Berufen viel Emotionsarbeit leisten, ein klassischer Faktor für Burn-out: Man muss sich als Richter:in oder Staatsanwält:in unabhängig davon, wie schlecht es einem geht, nach außen emotional so regulieren, dass man seine Rolle spielen kann. Ich muss als Richter:in in der Verhandlung allwissend und kompetent wirken, als Staatsanwält:in muss ich mich behaupten können. Wer kann das denn immer? Das erfordert extrem viel innere Arbeit und ist sehr erschöpfend. Womit wir wieder beim Risiko für Burnout wären.
Das klingt für Juraabsolvent:innen oder auch Abiturient:innen nicht verlockend, diese Berufe überhaupt einzuschlagen. Was müsste man am System ändern, damit es besser wird?
Richter und Staatsanwalt sind per se schöne Berufe und äußerst wichtig. Aber es braucht einen Rahmen, in dem man sich gut aufgehoben und sicher fühlt.
Es ist eine politische Aufgabe, die Anzahl der Stellen zu überprüfen und ggf. zu erhöhen. Ich denke, dass es aktuell eine große Differenz gibt zwischen dem, wie sich die Richter:innen und Staatsanwält:innen anstrengen, und dem, was sie dafür zurückbekommen: Gehalt, Anerkennung und Wertschätzung.
Beim Gehalt besteht jedenfalls dann eine Schieflage, wenn man es mit den teilweise hohen Einstiegsgehältern in der Anwaltschaft vergleicht. Und um Wertschätzung und Anerkennung zu bekommen, müsste man eine Führungskultur etablieren, die bislang noch nicht gut gelebt und vielerorts darüber hinaus als nicht vereinbar mit der richterlichen Unabhängigkeit gesehen wird. Ich glaube aber, dass die richterliche Unabhängigkeit einer guten Führung überhaupt nicht entgegensteht.
Wie könnte man denn zum Beispiel an einem Amtsgericht eine gute Führungskultur etablieren?
Beim Amtsgericht ist es oft gar nicht so einfach, weil die Vorgesetzten meist im nächsthöheren Gericht sitzen, nämlich am Landgericht. Aber diese sollten organisieren, dass sie mehr in Kontakt mit den Amtsrichter:innen treten können. Oder sie sollten am Amtsgericht regelmäßige Meetings für alle Richter:innen organisieren, damit sie miteinander sprechen und sich austauschen können, wie es ihnen geht. Das ist mindestens erforderlich, um einen guten Teamgeist zu begründen. Außerdem muss sich dringend etwas bei der Einarbeitung ändern, um die guten Leute auch an die Justiz zu binden. Momentan werden sie oft noch an ihre Schreibtische gesetzt und müssen sich die justizeigenen Arbeitsprozesse etc. völlig selbstständig erschließen. Ein Proberichter muss das können, heißt es dann.
"Das Arbeitsleben ist ein Marathon"
In Ihren Workshops am Deutschen Richter- und Staatsanwaltstag geht es dann aber nicht darum, was das System tun kann, sondern jede:r Einzelne.
Ja. Ich möchte mit meinen Workshops zeigen, wie viel Gestaltungsspielraum wir für unsere eigene Resilienz persönlich haben und dass auch jede:r Einzelne die Verantwortung hat, auch wenn sich systematisch einiges ändern müsste. Ich möchte, dass die Teilnehmenden am Ende herausgehen und wissen, an welchem Punkt in ihrem Alltag sie ansetzen können, um ihre Resilienz zu stärken. Der Rechtsstaat benötigt resilientes Personal – das passt übrigens gut zum Motto des Deutschen Richter- und Staatsanwaltstags "Rettet den Rechtsstaat".
Was könnte denn jede:r Richter:in oder Staatsanwält:in machen?
Ganz generell: Die Wahrnehmung dafür schulen, wie es einem selbst geht. Pausen machen. Lernen, über die eigene Belastung zu sprechen und sich mit den Kolleg:innen auszutauschen. Also raus aus dem Rückzug, rein in die Kollegialität.
Vorsätze sind immer gut. Aber wie zieht man die durch, wenn man mitten im Stress steckt?
Es ist Training. Man muss üben, sich selbst die Erlaubnis zu geben, so zu arbeiten, wie es sich gut anfühlt. Gerade in der Justiz gibt es viele Menschen, deren innere Antreiber Anstrengung und Perfektion sind. Gerade unter Druck sind solche Antreiber noch lauter. Aber auch der umgekehrte, gegenteilige Antreiber sollte zu Wort kommen: Es darf sich gut anfühlen, zu arbeiten. Ich darf für mich so sorgen, dass ich am Ende des Tages angenehm erschöpft bin – und nicht komplett am Boden.
Das für sich im Alltag auszuloten, kann man mit den persönlichen Methoden erreichen, man kann es lernen. Die eine geht joggen, der andere meditiert, der dritte möchte einfach mal still auf seinem Stuhl sitzen. Das Arbeitsleben ist ein Marathon, Sprints sollten nur gelegentlich vorkommen. Und diesen Marathon muss man durchhalten können.
"Resilienz merkt man, wenn das Leben härter ist"
Aber die richterliche Freiheit und Unabhängigkeit hilft dabei, oder? Schließlich kann keine:r vorschreiben, ob man als Richter:in morgens um acht am Schreibtisch sitzt oder erst zwei Stunden später, weil man erst einmal Yoga machen möchte.
Ganz genau. Die Richter:innen müssen lernen, diese Freiheit so zu nutzen, dass sie gesund bleiben. Das ist ihre ganz eigene Verantwortung.
In der Psychologie sagt man: "Verhalten gleich Person mal Umwelt." Das heißt: Wenn ich als Person viel Idealismus, Perfektionismus und Fleiß mitbringe und dann in einer Umwelt lande, die grenzenlos ist, die immer mehr von mir will, dann laufe ich so heiß, dass mein Verhalten ungesund wird. Ich arbeite so viel, dass ich es nicht mehr steuern kann.
Und da in der Justiz nun einmal keiner kommt und den Feierabend einläutet, ist es eine persönliche Aufgabe, sich ein Selbstmanagement anzulegen. Sich einen Arbeitsalltag zu strukturieren, in dem es einem gut geht. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich nicht gut richten.
Sind Sie denn resilient?
Ja, ich halte mich schon für resilient. Das merkt man selbst nicht im Alltag – das merkt man erst, wenn das Leben gerade härter ist. Und als ich in jüngster Vergangenheit eine sehr schwere Zeit hatte, habe ich gemerkt, dass ich mich auf meine Resilienz verlassen kann. Obwohl es mir miserabel ging, war ich in der Lage aufzustehen, meine täglichen Lebensbelastungen zu stemmen, einigermaßen Kontakt mit meinen Mitmenschen zu halten, das Wichtigste zu arbeiten – und zu versuchen, mich darum zu kümmern, dass es mir besser geht.
Mit welcher Erwartung kann man in den Workshop gehen? Kommt man da schon resilienter raus?
Das kann ein anderthalbstündiger Workshop nicht leisten. Aber er kann einem ermöglichen, sich in dieser Zeit mal selbst zu priorisieren. Man kann herausfinden, welcher nächste Schritt möglich wäre, um an seiner Resilienz zu arbeiten, oder wie der Alltag etwas heller werden kann. Ich möchte den Teilnehmenden Gedanken mitgeben, die ihnen immer wieder vor Augen treten und sie motivieren, an ihrer Resilienz zu arbeiten.
Vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß bei den Workshops!
Dörthe Dehe ist Diplom-Rechtspflegerin und Psychologin. Sie war jahrelang in verschiedenen Positionen bei der Justiz in Bayern tätig, z.B. als Referatsleiterin und Leiterin einer innerbetrieblichen Beratungsstelle am Oberlandesgericht München und zuvor als Geschäftsleiterin eines Amtsgerichts in Brandenburg, bis sie sich selbstständig machte.
Workshops zur Resilienz auf dem Deutschen Richter- und Staatsanwaltstag: . In: Legal Tribune Online, 03.04.2026 , https://lto-origin-update.connectaserver.de/persistent/a_id/59650 (abgerufen am: 14.04.2026 )
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