Laura Zentner über das Urheberrecht auf Kreuzfahrtschiffen, Anwaltsrankings als notwendiges Übel und den Bauch als Karrierekompass.
Dr. Laura Zentner ist Rechtsanwältin und Partnerin bei Greenberg Traurig. Dort ist sie im Bereich Medien, Technologie und Telekommunikation an den Standorten Berlin und München tätig. Die Schwerpunkte ihrer Beratung liegen im Urheber- und Medienrecht, dem gewerblichen Rechtsschutz und im allgemeinen Vertragsrecht.
Mein typischer Montag:
Aufstehen um 7:30, Laufsachen anziehen und meine Tochter zur Kita bringen, eine Runde joggen und um 9:30 am Schreibtisch im Home Office. Mittags zum Teammeeting ins Büro, dann feste "weekly calls" mit Mandanten. Viel Inbox-Management und Verteilen der Arbeit für eine neue Woche, dann (meist etwas gehetzt) zu Abendbrot und Bettzeit heim gegen 18:00. Meist beginnt danach meine "zweite Schicht" ab 20:30.
Mein Getränk und meine Bar:
Getränk: Weißwein oder Whiskey Sour am Wochenende, unter der Woche Pfefferminztee.
Bar: Auf Reisen am liebsten Hotelbars, in denen der Barkeeper die besten Geschichten hat. Ansonsten oft der Küchentisch.
Ein Song, ein Buch, ein Vorbild:
Song: "Don’t stop me now" von Queen, am besten mit Freunden in der Küche getanzt und gesungen, einschließlich Luftgitarre natürlich. Ein Song, der mich seit Jahrzehnten begleitet, auf meiner Hochzeit gespielt wurde und es mir schlicht unmöglich macht, schlecht drauf zu sein.
Buch: "1984" von George Orwell. Kein anderes Buch hat mich so zum Nachdenken angeregt oder kommt mir öfter in den Sinn, auch wenn es Ewigkeiten her ist, dass ich es zuletzt gelesen habe.
Vorbild: Amelia Earhart, die unerschrockene Flugpionierin der 1920er und 1930er Jahre, die sich als selbstbestimmte Frau gegen gängige Rollenbilder wandte und nicht nur Rekordfliegerin war, sondern auch eine geschickte Unternehmerin. Dass sie am Ende scheiterte, tut all dem keinen Abbruch. Mein Lieblingszitat von ihr: "Never interrupt someone doing what you said couldn’t be done." Wir haben unsere Tochter nach ihr benannt.
Ich habe Jura studiert, weil:
… ich in der Schule vor allem in den sprachlichen Bereichen geglänzt habe. Meine besten Fächer (und Leistungskurse) waren Deutsch und Englisch, aber ich wusste, dass ich auf keinen Fall Lehrerin werden wollte. Ich habe schon immer gern diskutiert; mein Vater war Autor und Songwriter und hat mir sein Faible für Wortakrobatik und verbalen Schlagabtausch vererbt (und später übrigens alle Hausarbeiten und meine Doktorarbeit Korrektur gelesen). Außerdem wollte ich international und grenzüberschreitend arbeiten. Irgendwie wurde da dann Jura draus, ein Glücksgriff. Und weil wir als Familie damals maßgeblich von den GEMA-Tantiemen meines Vaters gelebt haben, war mir das Urheberrecht früh ein Begriff.
Das größte Plus in meinem Job:
Die Bandbreite spannender Aufgaben, die Flexibilität (wann/wo/wie arbeite ich und organisiere ich mich?), meine Kolleg:innen, meine Mandant:innen – alles insbesondere in meinem Bereich Medien/Entertainment, IP & Technologie.
Das größte Minus in meinem Job:
Die unvorhersehbaren Arbeitsspitzen, die auch vor Geburtstagen, Urlauben und Nachtschlaf nicht halt machen.
Das Mandat, das mich bisher am meisten herausgefordert hat:
Hin und wieder gibt es wirklich knifflige Fragen, in meinem Bereich vor allem dann, wenn es um kollektive Rechtewahrnehmung oder internationales Privatrecht geht. In einem Mandat, das ich als sehr herausfordernd empfand, ging es um beides: Fraglich war, bei welcher Verwertungsgesellschaft ein Betreiber von Kreuzfahrtschiffen die Lizenz dafür einholen muss, dass urheberrechtlich geschützte Inhalte über die Fernseher in den Passagier-Kabinen abrufbar sind, wenn die Schiffe jeden Tag Häfen in anderen Staaten ansteuern. Gleichzeitig sind es genau diese Mandate, die besonders Spaß machen und bei denen ich am meisten lerne und wachse. Für mich wäre nichts langweiliger als ein Beruf, bei dem es keine Herausforderungen gibt – und aus diesem Grund bin ich nach wie vor sehr gerne Anwältin.
Meine härteste berufliche Entscheidung:
… war die über den Berufseinstieg. Ich kannte zwei Kanzleien aus Praktika und Referendariat gut und hatte von beiden Angebote. Die eine zahlte von Anfang an und vor allem über die Associate-Jahre mehr und hatte auch Büros in den USA, was ich für den Bereich Medien / Entertainment wichtig fand, bei der anderen aber fühlte ich mich wohler. Ich habe lange gerungen, mich aber dann entsprechend meinem Bauchgefühl für die zweite entschieden, wegen der Menschen im Team dort. Das war die richtige und eine meiner besten Entscheidungen: 13 Jahre später arbeite ich immer noch mit den gleichen Menschen zusammen, mittlerweile bei GT, einer der größten US-Kanzleien.
Ein gängiges Vorurteil zur Arbeit in Großkanzleien, das voll zutrifft:
Ich würde ja viel lieber über gängige Vorurteile zur Arbeit in Großkanzleien sprechen, die NICHT zutreffen! Aber eines, das zutrifft, sind sicherlich die eher langen Arbeitszeiten. Das geht auf Dauer nur mit Leuten und Themen, die einem wirklich am Herzen liegen – und mit einer echten Perspektive für die Karriere, insbesondere der Aufstieg in die Partnerschaft.
Anwalts- und Kanzleirankings finde ich:
Aufwändig. Man muss viel Zeit und Ressourcen dafür aufbringen, sich und die Kanzlei über diverse Rankings bewerten zu lassen, die leider alle unterschiedliche Fristen und Schwerpunkte haben und immer komplizierter und undurchsichtiger werden. Unsere Arbeit ist hochpersönlich, vertrauensvoll und nah am Mandanten, und sie unterliegt natürlich der Vertraulichkeit. Diese Beziehung nach außen greifbar zu machen ist eine große Herausforderung, und häufig werden die Ranking-Ergebnisse dann der tatsächlichen Arbeit nicht gerecht. Es ist wohl ein notwendiges Übel, aber uns wäre schon sehr damit geholfen, den Bewertungsprozess einfacher und transparenter zu gestalten (und nicht so oft zu ändern!).
Die größte Hürde auf meinem Weg zur Partnerin:
Das waren bei mir alles mehr gefühlte Hürden als echte – also z.B. eigene oder fremde Zweifel, ob und wie man Partnerschaft und Familie unter einen Hut bekommt; meine eigenen Sorgen, dass man als Mutter eines kleinen Kindes nicht als vollwertige Partnerin gesehen wird, oder wenn doch, dass man sich darüber komplett aufreibt… solche (zumindest bei Frauen) gängigen Ängste halt. Echte Hürden auf meinem Weg habe ich tatsächlich nicht erlebt, sondern hatte das Glück, von tollen Mentor:innen und Vorbildern umgeben zu sein und in einem Kanzleiumfeld zu arbeiten, das Leistung anerkennt und hauptsächlich Leute aus den eigenen Reihen in die Partnerschaft ernennt. Das passierte bei mir übrigens, als ich im 8. Monat schwanger war.
Was sich ändern muss, damit der Anteil der Equity-Partnerinnen in Großkanzleien steigt?
Sicherlich das Denken bei einigen Personen in Führungspositionen, aber genauso der Wille von Frauen, Equity-Partnerin zu werden – also die Bereitschaft, diesen langen Weg zu gehen und dann die Verantwortung und die Konsequenzen der Selbständigkeit (z.B. für "Kindkrankmeldung" oder Elternzeit) zu tragen, und der Glaube daran, dass wir Frauen (und ganz insbesondere auch Mütter) diese Rolle genauso gut ausfüllen können wie Männer. Und es braucht natürlich mehr Vorbilder, die zeigen, wie es gehen kann, auch im Bereich Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Ich versuche, so ein Vorbild und eine Mentorin zu sein für alle tollen Frauen, die noch kommen. Traut Euch das unbedingt zu, es lohnt sich.
Künstliche Intelligenz ist für die Rechtsberatung:
… ein leistungsstarkes Hilfsmittel, aber kein Ersatz für anwaltliche Beratung.
Ein Gesetz oder Paragraf, das/der dringend überarbeitet werden sollte:
Die grundsätzliche Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen nach § 218 StGB. Hier müsste das Regel-Ausnahme-Verhältnis umgekehrt werden und als Grundsatz die Straflosigkeit zumindest in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft gelten. Ich finde es unhaltbar, dass im Jahr 2025 Frauen, die sich ohnehin in der schwierigen Situation einer ungewollten Schwangerschaft befinden, zusätzlich auch noch kriminalisiert werden.
Eine Idee zur Reform der juristischen Ausbildung:
Die juristische Ausbildung ist zu sehr zugeschnitten auf den Richterberuf. Insbesondere der Anwaltsberuf und die Tätigkeit als Inhouse Counsel, vor allem mit Blick auf die Erstellung und Verhandlung von Verträgen, kommen zu kurz, sowohl im Studium als auch im Referendariat. Vertrags-Drafting und -Verhandlung sollten für alle ebenso zum Curriculum gehören wie "Moot Courts" und andere Debattierübungen.
Frauen sind auf der Partnerebene in Großkanzleien unterrepräsentiert. In den 20 umsatzstärksten Kanzleien am deutschen Markt liegt der Frauenanteil in den Equity-Partnerschaften bei 16 Prozent (Bericht der AllBright Stiftung), bei den Top 100 sind es 13 Prozent (Studie London School of Economics & Juve).
Gestützt auf Empfehlungen aus der Branche widmet LTO Vertreterinnen dieser seltenen Art ein Most Wanted Spezial. Bereits erschienen sind die Ausgaben mit Ana Bruder (Mayer Brown), Verena Nosch (Freshfields) und Alexandra Schluck-Amend (CMS). Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben von LTO Most Wanted finden Sie hier.
13-Prozent-Edition: . In: Legal Tribune Online, 27.11.2025 , https://lto-origin-update.connectaserver.de/persistent/a_id/58617 (abgerufen am: 06.12.2025 )
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