Recht strukturiert, aber Menschen entscheiden, sagt Natalie Ferdinand. Die Rechtsanwältin schildert, wie sich ihr Blick auf die Juristerei gewandelt hat und verrät, was es braucht, um sie zu beeindrucken.
Natalie Ferdinand ist Rechtsanwältin und Counsel bei K&L Gates in Frankfurt und Mitglied der Praxisgruppe Antitrust & Competition. Sie berät Mandantinnen und Mandanten zu kartellrechtlichen Fragestellungen sowie zu Compliance-Themen. Zudem ist sie ausgebildete systemische Business Coach und verbindet ihre juristische Expertise mit einer systemischen Perspektive auf unternehmerische Strukturen und menschliche Dynamiken. Vor ihrem Wechsel zu K&L Gates war sie mehr als elf Jahre lang bei Freshfields Bruckhaus Deringer tätig. Für LTO Most Wanted wurde sie von Charlotte D'Agostino nominiert.
Warum Jura?
Nach dem Abitur habe ich zwischen einem Psychologiestudium und Jura geschwankt. Damals war mir noch nicht bewusst, wie sehr mich Menschen interessieren. Im Gegenteil: Ich verstand mich eher als Kopfmensch. Jura erschien mir daher als die rationalere Entscheidung. Meine juristische Ausbildung und der Einstieg in die Großkanzlei-Welt fielen in eine Phase, in der ich zugleich junge Mutter war. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war für mich daher kein theoretisches Konzept, sondern gelebte Realität. Vielleicht hat mich genau das früh gelehrt, Prioritäten klar zu setzen, Verantwortung pragmatisch zu tragen und Entscheidungen effizient zu treffen.
Erst Jahre später habe ich verstanden, dass es mir immer auch um Menschen ging. Um ihre Beweggründe, ihre Perspektiven, ihre Dynamiken. Und darum, wie man einen Rahmen schafft, der Konflikte ordnet und Orientierung gibt. Vielleicht habe ich genau deshalb meinen Weg in den letzten Jahren um eine NLP- und systemische Business-Coach-Ausbildung ergänzt. Im Rückblick wirkt oft vieles stimmiger, als es im Moment erschien. Heute weiß ich, Recht ist kein abstraktes System. Es wirkt durch Menschen und beginnt bei ihnen. Genau deshalb bleibt es lebendig, wandelbar und so viel mehr als reine Paragrafenarbeit. Und etwas, dass mir dabei besonders wichtig ist und das ich an jüngere Kolleginnen und Kollegen ebenso wie in meiner Familie weitergebe: Man muss sich nicht früh für das gesamte Leben festlegen. Man darf seinen Weg erweitern. Entwicklung ist kein Bruch, sondern ein Ausdruck von Wachstum.
Mein Getränk und meine Bar:
Tee, in allen Variationen. Er unterstützt mich dabei, bewusst zu entschleunigen und im Moment anzukommen.
Meine "Bar" sind kleine, individuelle Cafés; am liebsten an meinen Kraftorten in Nordzypern oder Norwegen. Es sind Orte, die mich inspirieren und mich neue Perspektiven gewinnen lassen. In einem anspruchsvollen Beruf wie dem unseren halte ich Self-Care und mentale Klarheit nicht für Luxus, sondern für Voraussetzung, um langfristig leistungsfähig zu bleiben und Freude an der Arbeit zu behalten.
Ein Song, ein Buch, ein Ort
"Anything Could Happen" von Ellie Goulding, weil ich daran glaube, dass Wege sich entwickeln dürfen und Möglichkeiten oft dort entstehen, wo sie nicht geplant waren.
Ein Buch: Eckhart Tolle – "Jetzt! Die Kraft der Gegenwart". Ein Buch, das mich seit Jahren begleitet und immer auf meinem Nachttisch liegt. Weil Präsenz und Bewusstsein im Hier und Jetzt für mich immer wieder der Schlüssel sind, gerade in komplexen Situationen. In einer Welt, die ständig vorausplant oder Vergangenes analysiert, entsteht echte Klarheit meist im gegenwärtigen Moment. Und genau dort zeigen sich für mich häufig auch die Antworten.
Ein Ort: Der wichtigste Ort ist für mich kein Punkt auf der Landkarte, sondern vielmehr ein innerer Zustand: bei mir selbst anzukommen. In der Natur fällt es mir leichter, dorthin zu finden, etwa am Meer in Nordzypern oder am Fjord in Norwegen. In beiden Ländern habe ich meine ganz persönlichen Kraftorte gefunden.
An meinem Job mag ich:
Die Vielfalt und die strategische Tiefe. Dass Recht in nahezu alle Lebensbereiche hineinwirkt und enorme Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Vor allem dann, wenn Recht nicht nur verwaltet, sondern genutzt wird, um Handlungsspielräume zu eröffnen.
An meinem Job stört mich:
Dass Juristinnen und Juristen häufig auf ein oberflächliches Klischee reduziert werden, das sie als rein rational, distanziert oder ausschließlich paragrafenorientiert darstellt. Präzision schließt Persönlichkeit nicht aus. Im Gegenteil: Die beeindruckendsten Juristinnen und Juristen, denen ich begegnet bin, vereinen fachliche Klarheit mit Charakter und Haltung. Fachlichkeit wirkt stärker, wenn sie von Persönlichkeit getragen wird.
Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:
Weniger eine einzelne Person, mehr die Begegnung mit Menschen, die fachlich exzellent und gleichzeitig innerlich klar waren. Diese Kombination aus juristischer Expertise und Haltung beeindruckt mich bis heute. Für mich entfaltet Kompetenz ihre größte Wirkung, wenn sie von Integrität getragen wird. Das habe ich sowohl durch inspirierende Vorbilder als auch durch gegenteilige Erfahrungen gelernt. Gerade diese Dualität hat mir gezeigt, wofür ich selbst stehen möchte.
Das herausforderndste Mandat:
Interessanterweise war dies nicht der juristisch komplexeste Fall, sondern einer, bei dem Kommunikation und Erwartungsmanagement entscheidend waren. Dort habe ich deutlich gespürt: Recht strukturiert, aber Menschen entscheiden. Wir stehen nicht nur juristischen Problemen gegenüber, sondern oft menschlichen Dynamiken, geprägt von individuellen Erfahrungen, Weltsichten und Überzeugungen. Diese Ebene bewusst mitzudenken, ist für mich inzwischen integraler Bestandteil meiner juristischen Arbeit geworden und macht häufig den entscheidenden Unterschied.
Ein gängiges Vorurteil zur Arbeit in Großkanzleien, das zutrifft:
Der Anspruch ist hoch. Und das darf er auch sein. Komplexe Mandate fordern uns heraus, über uns hinauszuwachsen. Exzellenz entsteht selten in der eigenen Komfortzone. Oder anders ausgedrückt: Wachstum beginnt oft dort, wo es ein wenig unbequem wird.
Anwalts- und Kanzleirankings finde ich:
Rankings sind eine hilfreiche Markt-Orientierung, aber meines Erachtens nicht identitätsstiftend. Sie entstehen oft aus vielen externen Einflüssen und einzelnen Wahrnehmungen. Aber ja, ein Platz darauf fühlt sich trotzdem gut an. 😉
Ein Paragraf der dringend überarbeitet werden sollte:
Weniger ein einzelner Paragraf als vielmehr unser Umgang mit Recht insgesamt. Recht ist kein statisches Gebilde. Es entsteht in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Kontexten und muss mit ihnen weiterentwickeln. In einer zunehmend digitalen, globalisierten und beschleunigten Welt stoßen starre Strukturen schnell an Grenzen. Ich glaube, wir sollten uns trauen, Recht immer wieder kritisch zu hinterfragen. Deshalb braucht es die Bereitschaft, bestehende Normen regelmäßig zu überprüfen und an neue Realitäten anzupassen. Gesetze haben ihre klare Daseinsberechtigung, weil sie Orientierung und Stabilität geben. Aber sie leben auch davon, dass wir sie im Lichte neuer Entwicklungen reflektieren und fortentwickeln. Nicht ein einzelner Paragraf entscheidet für mich daher über die Zukunftsfähigkeit unseres Rechts, sondern vielmehr unsere Haltung, es kontinuierlich zu hinterfragen und praxisnah weiterzuentwickeln.
Wie hat sich Ihr Blick auf die Juristerei im Laufe der Jahre verändert?
Zu Beginn habe ich Jura vor allem als rationales, analytisches Feld verstanden. Präzision, Struktur und Argumentation standen für mich im Vordergrund. Heute weiß ich, dass juristische Fragen selten nur juristische Fragen sind und sehe es deutlich vielschichtiger. Recht entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wirkt durch Menschen und beginnt bei ihnen. Es bewegt sich in Organisationen, in wirtschaftlichen Kontexten, in individuellen Dynamiken.
Gleichzeitig hat sich unser Umfeld enorm beschleunigt. Digitalisierung, globale Vernetzung und zunehmende Komplexität verändern auch die juristische Arbeit. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, rechtliche Unsicherheiten nehmen zu. Umso wichtiger ist es, neben fachlicher Präzision auch Kontext, Kommunikation und Dynamiken mitzudenken. Diese Perspektive hat insgesamt meinen Blick erweitert und meine Arbeit strategischer gemacht.
Was würden Sie jungen Juristinnen und Juristen gerne mit auf den Weg geben?
Offen zu bleiben für Entwicklungen, die zu Beginn vielleicht noch gar nicht absehbar sind. Offenheit für Entwicklung ist für mich mittlerweile wichtiger als ein perfekter Plan. Das Jurastudium vermittelt Struktur, analytische Schärfe und ein methodische Fundament. Es legt die Grundlage für vieles, was danach kommt, aber es legt nicht den gesamten beruflichen Weg fest. Interessen dürfen sich verändern. Perspektiven dürfen wachsen. Entwicklung verläuft selten gradlinig. Sie entsteht dort, wo Lernbereitschaft vorhanden ist und auch Umwege oder bewusste Pausen als Teil des Weges akzeptiert werden. Dazu gehört auch ein bewusster und reflektierter Umgang mit sich selbst. Gerade in einem Umfeld, das stark von Leistungsdenken und Vergleich geprägt ist, halte ich es für wichtig, den eigenen Wert nicht ausschließlich an Noten, Titeln oder Stationen zu messen. Leistung ist wichtig, aber sie definiert nicht die eigene Identität. Einzelne Bewertungen und äußere Faktoren sind Momentaufnahmen, keine Identität. Entscheidend ist die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und weiterzugehen.
Neben analytischer Klarheit darf auch das eigene Gespür immer Raum behalten. Das Jurastudium schärft vor allem den Verstand. Das ist eine große Stärke. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigene innere Stimme nicht zu überhören. Gerade in einem stark rational geprägten Umfeld erfordert es manchmal Mut, der eigenen inneren Stimme Raum zu geben. Nicht jede Entscheidung lässt sich analytisch lösen. Belastbare Entscheidungen entstehen meiner Beobachtung nach häufig dort, wo fachliche Überlegung und persönliches Gespür zusammenkommen.
Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:
Ich nominiere Dr. Anika Schürmann, Partnerin bei Baker McKenzie in Düsseldorf. Anika hat sich in den letzten Jahren eine beeindruckende Expertise im Bereich Wirtschaftsstrafrecht, Kartellrecht & und Compliance aufgebaut und berät regelmäßig in komplexen Mandaten vor deutschen und europäischen Behörden und Gerichten. Ich durfte Anika zu Beginn meiner eigenen Laufbahn als Kollegin bei Freshfields Bruckhaus Deringer kennenlernen und habe die Zusammenarbeit mit ihr sowohl fachlich als auch menschlich stets sehr geschätzt. Mit ihrer ruhigen, verbindlichen Art und ihrer klaren juristischen Expertise war sie für mich früh ein Beispiel dafür, wie Professionalität und Persönlichkeit zusammenwirken können.
Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Katharina Landes | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 26.02.2026 , https://lto-origin-update.connectaserver.de/persistent/a_id/59384 (abgerufen am: 15.03.2026 )
Infos zum Zitiervorschlag